Genetik des Angelman-Syndroms

Zusammenfassung                                                                                                                              Das Angelman-Syndrom (AS) und das Prader-Willi-Syndrom (PWS) sind neurogenetischeErkrankungen, die durch den Funktionsverlust geprägter Gene in der Region 15q11q13hervorgerufen werden. Die häufigsten Ursachen für AS und PWS sind eine Deletion in derchromosomalen Region 15q11q13 (70 bis 75% der Angelman-Betroffenen), eineUniparentale Disomie 15 (1 bis 2 %), ein Imprintingfehler (2 bis 4%) oder eine Mutation imUBE3A-Gen (5 bis 10%) sowie beim Angelman-Syndrom eine auch heute noch nicht zudiagnostizierende Ursache (10 bis 15%). Die genetischen Veränderungen beim Angelman-Syndrom befinden sich immer auf dem von der Mutter geerbten Chromosom 15. Zwischenden einzelnen genetischen Ursachen gibt es in der Entwicklung der AS-Betroffenen deutlicheUnterschiede, dies ebenfalls innerhalb der Deletionen zwischen Deletionsklasse I undDeletionsklasse II. Diese Unterschiede in der Entwicklung können die Motorik, die aktiveSprache oder auch Neigung zu Epilepsie betreffen, so dass bei allen Ähnlichkeiten auchgleichzeitig eine deutliche Differenz zwischen den einzelnen AS-Betroffenen besteht.

Vorbemerkungen aus dem Bereich der Genetik

Will man die Symptomatik des Angelman-Syndroms verstehen, muss man sich mit derzugrundeliegenden Genetik auseinandersetzen. Zum leichteren Verständnis derZusammenhänge gehe ich zunächst auf allgemeine Fragen bzw. Begriffe aus dem Bereich derGenetik näher ein:Ein „fehlerhaftes“ Gen ist im menschlichen Organismus nichts Ungewöhnliches. In vielenFällen führt dies nicht zu einer Erkrankung, da von jedem Chromosom und somit von jedemGen eine zweite Kopie (Allel) vorhanden ist und oft eine Genkopie ausreicht, um einebestimmte zelluläre Funktion aufrecht zu erhalten. In einer solchen Situation haben wir zwareinen gestörten Genotyp, aber offensichtlich einen unauffälligen Phänotyp.Phänotyp wird die Ausprägung der Symptomatik genannt, die zugrundeliegende genetischeSituation Genotyp.Der Mensch besitzt in jeder seiner Zellen 46 Chromosomen, 23 von jedem Elternteil. DieseChromosomen beinhalten die detaillierte Information bzw. den Bauplan für das Funktionierendes Organismus‘. Die Chromosomen werden von 1 bis 22 nummeriert. Zusätzlich gibt es dieGeschlechtschromosomen, die mit X und Y bezeichnet werden und hier stammt ebenfallsüblicherweise eines vom Vater und eines von der Mutter. XX entspricht dem weiblichenGeschlecht und XY dem männlichen.Auf den Chromosomen befinden sich die Gene . Als Gen bezeichnet man die Grundeinheitder Vererbung. Der Mensch hat ca. 20.000 verschiedene Gene. Ein Gen ist ein funktionelldefinierter Abschnitt der DNA (Desoxyribonukleinsäure). Die DNA ist aufgebaut aus langenNukleotidketten, deren einzelne Nukleotide über Phosphodiester-Verbindungen miteinanderverbunden sind. Ein Nukleotid besteht aus einem Zuckermolekül, einem Phosphat und einervon vier verschiedenen stickstoffhaltigen Basen (Adenin, Thymin, Cytosin, Guanin), derenAbfolge die Erbinformation definiert. Diese Basen sind in der sogenannten Doppelhelix soangeordnet, dass sich zwei gegenüberliegende Basen miteinander zu einem Basenpaarverbinden.Der Begriff „Doppelhelix“ beschreibt die Struktur, in der die gesamte DNA vorliegt und zwarals Doppelstrang. Dies führt dazu, dass die DNA riesige Mengen an Informationen (Genotyp)speichern und in den Phänotyp „übersetzen“ kann. Über die DNA werden erblicheInformationen von einer Generation an die andere weiter gegeben

Nun direkt zum Angelman-Syndrom

Kurz zusammengefasst lässt sich die Symptomatik des Angelman-Syndroms folgendermaßen beschreiben: Verzögerte Entwicklung mit ausgeprägten Funktionsstörungen, grob- und feinmotorische Probleme, keine oder nur gering ausgeprägte aktive Sprache, kognitive Beeinträchtigung, Epilepsie, Schlafprobleme, fröhliches Wesen (Buiting et al. 2016). Zu berücksichtigen ist bei dieser Kurzdarstellung jedoch, dass je nach genetischer Situation die einzelnen dieser Merkmale sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können (Williams et al. 2005, Tan et al. 2011) – wie ich im Folgenden darlegen werde. Mittels polymorpher (vielgestaltiger) Marker für das Chromosom 15 konnte gezeigt werden, dass sich die genetischen Veränderungen beim AS immer auf dem von der Mutter geerbten Chromosom 15 befinden, während sie sich beim Prader-Willi-Syndrom (PWS) immer auf dem vom Vater geerbten Chromosom 15 befinden (Albrecht et al. 2010). Da es in diesem hier vorliegenden Artikel hauptsächlich um die Beschreibung des Angelman-Syndroms geht, stelle ich die Wissensdaten über das PWS zurück.Beim Angelman-Syndrom ist auf dem Chromosom 15 die Region „q11q13“ betroffen. Dieser Chromosomenabschnitt umfasst ca. 6 Millionen Basenpaare (6 Mb) und mehr als 10 Gene, darunter das "Angelman-Syndrom-Gen" UBE3A. In Bezug auf das Angelman-Syndrom bedeutet das: ein Funktionsverlust in dem UBE3A-Gen führt zu den beim Angelman-Syndrom bekannten phänotypischen Problemen (Albrecht et al. 2010). Genetische Veränderungen über dieses UBE3A-Gen hinaus führen zu stärkeren Störungen im Phänotyp, siehe unten.Häufig kann der Funktionsverlust eines Genes durch das zweite Allel auf dem anderen Chromsom aufgefangen werden. Beim AS ist es aber nun so, dass UBE3A monoallelisch exprimiert ist, also das mütterliche Allel entscheidend ist, und dessen gestörte Funktion nicht durch das väterliche Allel ersetzt werden kann.Diese Aussage trifft jedoch nur für bestimmte Regionen des Gehirns zu. In anderen Gewebestrukturen des Organismus ist die Expression biallelisch, so dass beim Angelman-Syndrom das Fehlen bzw. der Funktionsverlust des mütterlichen Allels in diesen Bereichen keine Konsequenzen hat (Albrecht et al. 2010, Buiting et al. 2010).

Welche genetischen Störungsbilder findet man nun beim Angelman-Syndrom?

Das Angelman-Syndrom wird durch den Funktionsverlust von UBE3A auf dem mütterlichen Allel hervorgerufen (Albrecht et al. 2010, Buiting et al. 2010, Buiting et al. 2016). Zu diesem Funktionsverlust des mütterlichen UBE3A kommt es durch maternale Deletion, eine paternale uniparentale Disomie (UPD), einem Imprinting-Fehler oder direkt einer UBE3A-Gen-Mutation.


Abb. 1: Molekulargenetische Ursachen für das Prader-Willi- und Angelman-Syndrom. Angabe der Frequenz und des Wiederho-lungsrisikos. Rotes Oval Me-thylierungsstatus der paternal exprimierten Gene; mat maternal (mütterlich); pat paternal (väterlich). (Albrecht et al. 2010).

In mehreren Studien zeigte sich, dass die Entwicklungsstörungen bei einer Deletion am größten sind, und bei UBE3A-Gen-Mutation, Imprinting-Fehlern sowie der UPD (Varela et al. 2004, Dagli et al. 2015, Tan et al. 2011) geringer.

Deletion

Deletion bedeutet in der Genetik das Fehlen von genetischem Material, z.B. einer Nukleotidsequenz. Es können einzelne Nukleotidbasen fehlen oder auch ein ganzes Chromosom. Aufgrund der speziellen Anordnung drückt man die Größe der Deletion auch in der Zahl der fehlenden -Basenpaare aus.Bei ca. 70 - 75% der vom Angelman-Syndrom Betroffenen liegt eine solche Deletion auf dem mütterlichen Chromosom vor (Albrecht et al. 2010, Buiting et al. 2010). Es gibt hauptsächlich 2 Klassen von Deletionen, da die Deletion unterschiedlich groß sein kann. Sie folgt jedoch gewissen Mustern, da es bestimmte Bruchpunkte in dieser Region 15q11q13 gibt.Fehlt genetisches Material zwischen Bruchpunkt 1 (BP1) und Bruchpunkt 3 (BP3), liegt eine Deletion der Klasse I vor. Fehlt genetisches Material zwischen Bruchpunkt 2 (BP2) und Bruchpunkt 3 (BP3), ist es eine Deletion der Klasse II.


Abb. 2: Schematischer Überblick über die chromosomale Region 15q11q13. Blaue Kästchen paternal exprimierte Gene; blaue Striche snoRNA-Gene; rote Kästchen maternal exprimierte Gene; schwarze Kästchen biallelisch exprimierte Gene;

Pfeile oberhalb der Gene Transkriptionsrichtung; schwarzer bzw. weißer Kreis die beiden kritischen IC-Elemente, AS-SRO und PWS-SRO; horizontale Linien Klasse-I- und Klasse-II-Deletionen und atypische Deletionen, die den SNORD116-Genlocus überspannen; BP Bruchpunkt-Clusterregionen; IC Imprinting-Center; cen zentromer; tel telomer. Darstellung nicht maßstabsgetreu (Albrecht et al. 2010).

Des Weiteren kann die Deletion auch größer sein und sich über den BP3 hinaus erstrecken und die Bruchpunkte im Bereich von BP4 oder BP5 liegen (Varela et al. 2004).Zwar zeigen die Betroffenen unabhängig der Größe der Deletion die typischen AS-Merkmale, diese aber z.T. in einer deutlich unterschiedlichen Ausprägung, siehe Absatz „Genotyp im Vergleich zum Phänotyp“.

Paternale Uniparentale Disomie 15

Liegt eine Uniparentale Disomie (UPD) vor, stammen beide Chromosomen oder Teile davon von einem Elternteil (uniparental: von einem Elternteil stammend / Disomie: zweifaches Vorhandensein eines Chromosoms). Dies bedeutet beim Angelman-Syndrom, dass beide Chromosomen 15 vom Vater stammen und somit der mütterliche Anteil der Erbinformation des Chromosoms 15 komplett fehlt, es sich also um einen vollständigen Funktionsverlust des UBE3A-Gens handelt. In 1 bis 2 % der vom Angelman-Syndrom Betroffenen liegt eine UPD vor.

Diese Uniparentale Disomie kann einer Isodisomie entsprechen (dann handelt es sich um das gleiche elterliche Chromosom in duplizierter Form). Oder es liegt eine Heterodisomie vor, wenn die beiden Chromosomen 15 zwar vom Vater stammen, aber nicht dupliziert sind.

Bei der UPD beim Angelman-Syndrom handelt es sich fast ausschließlich um eine Isodisomie (Albrecht et al. 2010). Insofern könnte diese nach Albrecht und Buiting (Albrecht et al. 2010) am ehesten auf eine Keimzelle zurückgehen, der ein komplettes Chromosomenpaar fehlt (nullisome Oozyte) und die dann entsprechend „korrigiert“ wurde, indem das väterliche Chromosom dupliziert wurde. Ältere Vorstellungen gingen davon aus, dass ursprünglich das Chromosom 15 dreifach vorgelegen hat (Trisomie), das überschüssige Chromosom dann jedoch kompensiert wurde. (Waldschmidt 2015).

Mutation im UBE3A-Gen

5 bis 10% der vom Angelman-Syndrom Betroffenen zeigen eine Mutation im UBE3A-Gen und zwar im mütterlichen Allel. Wie bereits beschrieben ist dies ein monoallelisch exprimiertes Gen, so dass kein vom Vater „aushelfendes“ Gen zur Verfügung steht. Das UBE3A-Gen liegt in dem Bereich zwischen BP2 und BP3.

Die Mehrzahl dieser UBE3A-Mutationen sind Neumutationen. In ungefähr 20% aller Fälle von Mutation des UBE3A-Gens haben die Mütter ebenfalls diese Mutation, und zwar auf dem väterlichen Chromosom, wo sie sich nicht auswirkt.. Bei diesen Müttern besteht ein 50%iges Risiko für ein weiteres Kind mit Angelman-Syndrom. Bei den Neumutationen ist das Wiederholungsrisiko gering, kann aber in Ausnahmefällen ebenfalls erhöht sein (Albrecht et al. 2010, Buiting et al. 2010). Das UBE3A-Gen kodiert für die E6-AP-Ubiquitin-Protein-Ligase, welche Proteine mit Ubiquitin, einem kleinen Eiweißmolekül, markiert und somit erreicht, dass diese Proteine durch die Ubiquitin-vermittelte Proteolyse abgebaut werden können (Albrecht et al. 2010). Insofern spielt das UBE3A-Gen eine wichtige Rolle in der frühen neurologischen Entwicklung. Ist das UBE3A-Gen übermäßig aktiv (oder funktioniert die enzymatische Funktion des UBE3A-Enzyms verstärkt), resultieren autistische Verhaltensweisen. Ist es zu gering ausgeprägt, resultiert hieraus das Angelman-Syndrom (Judson et al. 2016).

Imprintingfehler sowie Mikrodeletion im Imprinting-Center (IC)

Üblicherweise werden Merkmale auf den autosomalen (auf einem Autosom liegend, also nicht auf einem Geschlechtschromosom) Chromosomen unabhängig des Geschlechts exprimiert (vererbt). Bei Genen, die dem Genomic Imprinting (der genomischen Prägung) unterliegen, ist eines der zwei elterlichen Allele aktiv und das andere inaktiv. Dies betrifft 100–200 der ca. 20.000 menschlichen Gene. Falsche Prägungen verändern die Muster der Genexpression und führen zu charakteristischen Erkrankungen. Ein solcher Imprintingfehler erfolgt beim AS in einer Häufigkeit von 2 bis 4%. Beim Imprintingfehler des Angelman-Syndroms trägt das mütterliche Chromosom einen väterliche Markierung, was zu einem Funktionsverlust von UBE3A auf dem mütterlichen Chromosom führt. Hierfür kommen mehrere Ursachen in Frage, z.B. zu unterschiedlichen Zeitpunkten falsch ablaufende Imprinting-Prozesse. In seltenen Fällen ist ein Imprintingfehler die Folge einer Mikrodeletion im mütterlichen Imprinting Center (IC). (Albrecht et al. 2010, Horsthemke).

Das Wiederholungsrisiko hängt vom genauen Mechanismus des Imprintingfehlers ab. Es liegt zwischen weniger als 1 % und 50% (Horsthemke).

Unbekannte Ursache

Auch heute noch – 2017 – liegt der Prozentsatz der Kinder, die vom Phänotyp her dem Angelman-Syndrom zuzuordnen sind, aber kein AS-Genotyp nachzuweisen ist, bei 10 bis 15%. Ob eventuell doch die genetische Störung an einer anderen Stelle als an den hier beschriebenen liegt oder ob der heute Stand der Technik noch nicht ausreicht, hier die korrekte Diagnose zu stellen bzw. den Phänotyp genetisch zu bestätigen – oder beides -, kann im Moment noch nicht gesagt werden.

Angelman-like-Syndrome

Allerdings gibt es bereits etliche Syndrome, bei denen die klinische Symptomatik dem AS zwar sehr ähnlich ist, jedoch trotzdem ihm nicht vollständig entspricht. Man kann bereits bei etlichen Fällen mit weiterführender spezieller Diagnostik Mikrodeletionen, Mikroduplikationen oder auch einzelne Genmutationen nachweisen. Zu den einzelnen Genmutationen gehören das Pitt–Hopkins-Syndrom, das Christianson-Syndrom, das Mowat–Wilson-Syndrom, das Kleefstra-Syndrom und das Rett-(MECP2)-Syndrom. Wegen der Symptomatik nennt man diese Syndrome in ihrer Gesamtheit Angelman-like-Syndrome (Tan, W.H. et al 2014).

Genotyp im Vergleich mit dem Phänotyp

Wie oben bereits erwähnt ist der Phänotyp bei einer Deletion schwerer betroffen als bei einer UPD oder einem Imprintingfehler, was sowohl die kognitive Situation, die Motorik und auch die aktive Sprache betrifft. Dies erklärt man u.a. dadurch, dass bei der Deletion sowohl der UBE3A-Funktionsverlust als auch eine Beeinträchtigung der GABR-Gene zum Tragen kommen. Im Gegensatz zu dem Gen UBE3A, welches monoallelisch exprimiert wird, sind die GABR-Gene biallelisch exprimiert. Somit ist das väterliche Allel und somit eine gewisse Funktion dieses Gens bei UPD, Imprinting und UBE3A-Mutation vorhanden.

Jedoch kann es auch passieren, dass diese biallelisch exprimierten GABA-Rezeptoren GABRB3, GABRA5 und GABRG3 zusätzlich zum UBE3A-Funktionsverlust zu wenig effektiv arbeiten. In diesem Fall kann das väterliche Gen nur teilweise „einspringen“, man spricht von einer Haploinsuffizienz dieser Allele. Hierdurch wird insbesondere die höhere Anfallshäufigkeit bei Deletion erklärt.

Eine Haploinsuffizienz bedeutet, dass die Hälfte eines üblicherweise diploid (doppelt) vorliegenden Gens nicht ausreichend für die Gesamtfunktion ist. Patienten, deren Deletion größer ist als Deletionsklasse I (Deletionsklasse III und IV), zeigen neben den genannten Symptomen eine sehr schwer behandelbare Epilepsie und eine deutliche muskuläre Hypotonie.

Patienten mit einer Mutation des UBE3A-Gens haben i. d. R. Krampfanfälle, weisen aber eine bessere motorische Entwicklung als Patienten mit einer Deletion auf und entwickeln häufig eine Adipositas im Erwachsenenalter. (Horsthemke).

Auch Tanaka (Tanaka et al. 2012) beschreibt, dass bei zusätzlich zu einem UBE3A-Funktionsverlust reduziertem Niveau des GABRB3-Gens die Symptomatik der Epilepsie verstärkt wird. Hinzukommen seine Beobachtungen über die verschieden hohe Konzentration an GABRB3 in den unterschiedlichen Bereichen des Gehirns und in einer Zunahme von GABRB3 im Laufe des Älterwerdens, was die sich nach und nach verbessernde Situation bezüglich der Epilepsie bei etlichen AS-Betroffenen erklärt.

Nicht nur zwischen den einzelnen genetischen Formen des AS, sondern auch innerhalb der Deletionsklassen gibt es ebenfalls Unterschiede: Dieser Unterschied im Phänotyp zwischen Deletion I und Deletion II wurde von Russo auf dem Internationalen AS-Kongress 2014 in Rom bestätigt. Die hauptsächlich von ihr untersuchten Parameter waren: Das Alter, in dem die Epilepsie zum ersten Mal auftrat, deren Pharmakoresistenz, die Anzahl der erforderlichen Medikamente sowie das Alter, in dem das freie Gehen erlernt wurde. Insbesondere bei letzterem zeigte sich eine statistische Signifikanz, da die Kinder mit Deletion der Klasse II meistens vor dem Alter von 4 Jahren das freie Gehen erlernten. Die Kinder mit Deletion I jedoch erst sehr viel später oder noch häufiger überhaupt nicht (Russo 2014)

Varela (Varela et al. 2004) verglich gezielt AS-Kinder mit Deletion Klasse I und Klasse II und kommt zu folgendem Schluss: AS- Betroffene mit Deletionsklasse I (BP1 – BP3) zeigen eine deutlich höhere Beeinträchtigung in der aktiven Sprache als AS-Kinder mit Deletionsklasse II. Denn von den Deletion-I-Kindern blieben alle vollständig ohne aktive Sprache, während 38,1 % der Deletion-II-Kinder (BP2 – BP3) immerhin Silben von sich gaben, wenn auch nicht unbedingt zielgerichtete Silben als Wort. Hieraus schließt er, dass die in dem Bereich zwischen den Bruchpunkten BP1 und BP2 liegenden Genen (NIPA1, NIPA2, CYF1P1, GCP5 – siehe Abb. 2) für die Sprachentwicklung von großer Bedeutung sind, wobei Beweise noch nicht geführt werden konnten.

Die von ihm beobachteten UPD-Kinder zeigten weniger Schluckprobleme, eine geringere Hypotonie, weniger oder keine Krampfanfälle, seltener eine Mikrozephalie, eine geringere Ataxie und höhere kognitive Leistungen. Seiner Meinung nach trägt der mildere Verlauf bei der UPD dazu bei, dass es in dieser Gruppe häufiger Fehldiagnosen gibt bzw. das AS nicht oder erst sehr spät diagnostiziert wird.

Patienten mit Imprintingfehlern haben seltener eine Mikrozephalie, Hypotonie oder Krampfanfälle und zeigen eine bessere Motorik und bessere Möglichkeiten der Kommunikation.

Patienten mit UBE3A-Mutation zeigen Fähigkeiten, die zwischen denen mit Deletion und denen mit einer UPD liegen.

Die Arbeitsgruppe um Ben Philpot zeigte, dass wohl am ehesten der UBE3A-Verlust in GABA-ergen Neuronen zu epileptischen Anfällen führen könnte, wobei auch noch andere Details eine Rolle spielen und letztendlich noch weiterer Forschungsbedarf besteht (Judson et al. 2016).

Zusätzlich nimmt man an, dass die häufige Hypopigmentierung bei Deletion auf eine Haploinsuffizienz des Gens OCA2 zurückzuführen ist, welches ebenfalls im Bereich zwischen BP2 und BP3 liegt (Dagli et al. 2015, Tanaka et al. 2012).

Passend zu diesen Forschungsergebnissen sind die Beobachtungen, die über Mitglieder des Angelman-Vereins Deutschland erhoben wurden. Der Austausch unter den Mitgliedern ist rege, so dass sich folgende Hypothesen ergaben: Vom Angelman-Syndrom Betroffene mit Deletionsklasse II, UPD, UBE3A-Mutation oder Imprintingfehler neigen eher zu einer leichten Form der Epilepsie im Sinne von Absencen oder Myoklonien. Bei Betroffenen mit Deletionsklasse I kann im Lauf der Zeit die Neigung zu Grand-Mal-Anfällen oder auch zu einem nonkonvulsiven Status hinzukommen. Die Beobachtungen bezüglich der Motorik sind wie hier bereits beschrieben so, dass Betroffene mit Deletionsklasse I deutlich später und seltener das freie Gehen erlernen als diejenigen mit Deletionsklasse II oder auch den anderen genetischen Formen. Gleiches gilt für die Kommunikation, da bei Deletionsklasse I bereits das Sprachverständnis schlechter ausgebildet ist als bei den anderen Formen. Auch fällt die Kommunikation mit Mitteln der Unterstützten Kommunikation den Betroffenen mit Deletionsklasse I am schwersten.

Schlussbemerkungen

Wenn man sich einen Überblick über die Entwicklung der Genetik beim Angelman-Syndrom der letzten Jahre verschafft hat, kann man nur staunen über diese Entwicklung. Staunen darüber, was die Wissenschaftler inzwischen alles an Wissensdetails erforscht haben. Gleichzeitig muss man aber auch zugeben, dass nach wie vor noch Wissenslücken bestehen. Immer mehr Gene im Bereich 15q11q13 sind entdeckt und dem Phänotyp, den ihre Insuffizienz verursacht, zugeordnet worden – und gleichzeitig gibt es bereits etliche Gene, die als Gen identifiziert worden sind, deren Funktion man jedoch noch nicht kennt.

Ich wünsche mir, dass ich mit diesem Artikel habe zeigen können, wie wichtig das genetische Wissen in der Beurteilung vieler Fragen, auch Alltagsfragen, im Bereich des Angelman-Syndroms ist. Dieser Artikel soll auch dazu beitragen, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass es nicht immer hilfreich ist, Aussagen über „DAS Angelman-Syndrom“ zu treffen, sondern es oft sinnvoller ist, diese Aussagen mit der genetischen Situation des Betroffenen zu verbinden. Nur dann weiß man, wovon man spricht.

In diesem Zusammenhang möchte ich mich bei Prof. Horsthemke, dem Institutsleiter des Instituts für Humangenetik Universitätsklinikum Essen, und seinem Team dafür bedanken, aus den erwähnten Artikeln nicht nur zitieren zu dürfen, sondern auch die Abbildungen einsetzen zu dürfen. Mein Dank gilt insbesondere Dr. B. Albrecht und Dr. K. Buiting, den Autoren des Artikels über das Prader-Willi-Syndrom und Angelman-Syndrom. Mein Dank geht auch an den Springer-Verlag, da dieser mir bzw. dem Angelman-Verein Deutschland ebenfalls die entsprechende Genehmigung, auch für die Abbildungen, gegeben hat.

Da diese Beschreibung der Genetik, zunächst eher allgemein gehalten, dann speziell auf das Angelman-Syndrom bezogen, eine Information für Eltern und Familien darstellen soll, habe ich mir bezüglich der leichter verständlichen Formulierung Hilfe geholt und zwar aus dem Buch „Genetik kompakt für Dummies“ von Tar Rodden Robinson. Man sollte sich von dem Titel nicht täuschen lassen, denn hier wird die Genetik zwar für Laien verständlich beschrieben, aber auf einem deutlich höheren Niveau als der Titel vermuten lässt. Interessierten Lesern sei dies Buch unbedingt zur weiteren Vertiefung in den Bereich der Genetik empfohlen.

Anschrift des Verfassers: 

Dr. med. Christel Kannegießer-Leitner, Mitglied der Forschungsgruppe des AS-Vereins Deutschland, Sibyllenstr. 3, 7643 Rastatt, kannegiesser-leitner@web.de

 

Literaturverzeichnis

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- Buiting, K.; Gläser, D.; Horsthemke, B.: Leitlinien für die molekulare und zytogenetische Diagnostik bei Prader-Willi-Syndrom und Angelman-Syndrom. Deutsche Gesellschaft für Humangenetik e.V. (GfH), Berufsverband Deutscher Humangenetiker e.V. (BVDH), medgen 2010 · 22:282–286, DOI 10.1007/s11825-010-0227-y, Online publiziert: 10 Juni 2010, © Springer-Verlag 2010

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- Robinson, T. R.: Genetik kompakt für Dummies, Wiley-Verlag GmbH & Co.KGaA, 2014

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